Der Weg zum Buch (3): Entscheidung in Sri Lanka

Der Weg zum Buch (3): Entscheidung in Sri Lanka

Wie aus 20 Kapiteln 30 wurden

 

Bodo als  Hemingways Doppelgänger unterwegs mit Gästen in Sri Lanka (Foto: Claude Hambeck)

Fünf Jahre sind eine lange Zeit. Nach 2013 kulminierte die politische und soziale Spaltung Thailands und endete erst in einem Militärcoup und danach in einer Militärregierung. Als Bodo und ich Anfang 2018 das Projekt Buch neu diskutierten, war für den Job des Elefantenmanns eine neue Dimension hinzugekommen. Interaktionen zwischen Elefanten und Menschen wurden immer häufiger und härter von einigen Tierschutzorganisationen kritiisiert, mit dem entsprechenden Medienecho. In der Konsequenz sahen sich diverse große Reiseunternehmen gezwungen, Aktivitäten mit Tieren aus ihrem Programm zu streichen.

Foto: Elephant Special Tours

Auf den Social-Media-Kanälen liefen die hitzigen, emotionalen, holzschnittartigen Diskussionen um Elefanten im Tourismus heiß. Diese Kontroverse musste nun auch ins Buch. Bodo sah die Chance, seine Sicht und seine langjährigen Erfahrungen ausführlich, differenziert  und faktenorientiert zu schildern. Und nicht verkürzt, vereinfacht und pauschal, wie heute selbst komplexe Themen auf den sozialen Plattformen gespielt werden.

Bodo und Gäste (Foto: Elephant Special Tours)

 

Auch Bodos Geschäftsmodell stand nun im Fokus der Öffentichkeit, doch Elephant Special Tours erlitt keine nennenswerten Einbußen, da fast alle Buchungen auf persönlichen Empfehlungen ehemaliger Gäste oder auf dem guten Ruf des Unternehmens beruhten und direkt dort vorgenommen wurden.

 

 

Auch mein Leben hatte die gewohnten Bahnen verlassen, meine Abenteuer spielten allerdings im Privaten. 2016 heiratete ich Toey in Chiang Mai in einer traditionellen Lanna-Zeremonie, kurz zuvor hatten wir in der Altstadt Chiang Mais eine Bar gemietet, deren Anstrich und Einweihungsdatum von Mönchen und astrologischen Konstellationen bestimmt wurden. „This is Thailand“: Immer besser verstand ich den oft gehörten Spruch, was meine mitteleuropäischen Vorstellungen von Logik und Vernunft  neu definierte.

 

Erlebnis Sri Lanka

 

 

Im Februar 2018 stand eine 14-tägige Sri-Lanka-Reise im Programm von Elephant Special Tours.  Im letzten Moment buchte auch ich diesen Trip. In Sri Lanka wollte ich in Absprache mit Bodo definitiv über ein Ja oder Nein zum Buch entscheiden.

In den Teeplantagen von Nuwara Eliya

 

Ein Buch erzählt eine Geschichte. Bodos Geschichte ging so: Da ist ein Mann, der einen Traum hat und ihn leben will. Fern der Heimat, in der Natur Asiens, mit und für Elefanten. Und das tut er dann auch, allen Rückschlägen zum Trotz.

 

 

Bildergalerie: In Sri Lanka begegnet man dem Elefanten in allen Aggregatzuständen

Eine Autobiografie birgt andere Tücken als ein Roman. Bodo war nicht der Erste, der sich fragte: Wie ehrlich und indiskret darf eine Autobiografie sein, wie wahrhaftig muss sie sein? Wie die meisten Menschen in seinem Alter hatte er die eine oder andere zweifelhafte Entscheidung getroffen. Trennungen von geliebten Menschen verkraften müssen – mal hatte er Menschen verlassen, mal war er der Verlassene. Wer von all den Mitspielern in seinem Leben sollte zwischen den Buchdeckeln vorkommen und wie?

Meine Rolle als Co-Autor war hingegen schnell definiert. Ich würde weitere Gespräche mit Bodo führen und sein oft sprunghaftes Leben fürs Buch ordnen und strukturieren. Mein Ego allerdings musste die Klappe halten. Meine Aufzeichnungen sollten allein Bodos Intentionen und Gedanken wiedergeben und seine ureigene Diktion. Seinen ganz speziellen Tonfall, seine Art zu erzählen. Das war so schwer nicht – wenn der Mann erst einmal ins Rollen kommt, formuliert er stark, lebendig, mitreißend.

Lange sah es so aus, als ob da eine Autobiografie gegen den Willen des Protagonisten entstand. Bodos Sträuben interpretierte ich als mangelndes Vertrauen. Bis ich begriff, dass er nur seine Familie schützen wollte, seine Frau Jana und seine Tochter Sinah. Beider Leben war jedoch engstens verbunden mit seinem Beruf und mit Elefanten. Jana hatte er als Gast in Mae Sapok kennengelernt; selbst der Name seiner Tochter hatte mit einem Ereignis im Camp zu tun. Bodos Leben zu schildern und dabei Frau und Kind auszusparen, hätte bei jeder Leserin und jedem Leser eine Art Phantomschmerz bewirkt: Da fehlt was, aber wir spüren das. 

Als wir wieder einmal in einer argumentativen Sackgasse gelandet waren, sagte Bodo: „Sprich mit Jana.“ Ihr Einverständnis erhielt ich schnell. Denn ich versicherte ihr, was für mich immer selbstverständlich war: im Buch würde keine Zeile über sie oder Sinah ohne ihre Zustimmung stehen.

Heute darf ich sagen: Im Buch zählen die Passagen mit Jana und Sinah zu den wärmsten und emotionalsten.

 

Lernen vom Elefantenmann

 

 

Ohne die beiden gemeinsamen Wochen mit Bodo in Sri Lanka wäre das Buch ein anderes geworden. Unsere Auseinandersetzungen dort reinigten die Luft. Vor allem aber lernte ich auf unseren Exkursionen in Pinnawala, Udawalawe, Minneriya und Wasgamuwa viel und entscheidend Neues über Elefanten. Von Bodo und auch von  Tierschützern wie Chintaka und Ravi.

 

 

Es war schlicht bewegend, entspannte Wildelefanten – die uns immer im Blick hatten – aus zwei Metern Entfernung zu beobachten. Bodos Gäste und ich erfuhren zudem, welche mühevolle Detailarbeit, wieviel Durchhaltevermögen und Kompetenz zu nachhaltigem Naturschutz gehören. Versuch und Irrtum, über Jahre.

 

Weligama im Südwesten Sri Lankas: Der letzte Abend (Foto Claude Hambeck)

Geschichten für Zeitungen oder Magazine sind gewöhnlich Kurzstrecke – ein Buch ist Marathon. Wir planten mit 20 Kapiteln. Die ersten schickten wir auf Empfehlung unseres Freundes Oliver Wurm zum Rowohlt-Verlag nach Hamburg. Das renommierte Verlagshaus sandte uns einen Vertragsentwurf und so das erfreuliche Signal: Weitermachen!

Bodo und Julia: Ein Buch wird kommen

Im Dezember 2018 unterschrieben Julia Suchorski, Cheflektorin Sachbuch bei Rowohlt, und Bodo Förster in Düsseldorf den Vertrag. Bis zur für März 2019 vereinbarten Manuskriptabgabe wurde es für Bodo nd mich noch ein aufregender Ritt. Die Elefanten hatten den Spieß umgedreht – nun saßen sie uns im Nacken. Eine große Hilfe war in diesen Monaten unsere Lektorin Ulrike Gallwit – ihr gilt unser Dank ebenso wie Julia Suchorski für eine tolle Unterstützung!

Die vielen Facetten des Bodo Förster

 

Je öfter wir über sein Leben sprachen, über seine Kindheit, Jugend, die Zeit im Tierpark Friedrichsfelde, desto besser lernte ich Bodo natürlich kennen. Seine vielen Facetten. Humor ist eine. Er kann ein Bollerkopp sein. Er ist verletzlich und kann verletzen. Manchmal musste ich an den Titel eines Buches von David Richard Precht denken: Wer bin ich, und wenn ja wieviele? Bodo ist vieles, nur eines nicht: Einfach.

Im Laufe unserer Gespräche erinnerte sich Bodo immer genauer an scheinbar längst vergessene Details. Aus 20 Kapiteln wurden schließlich 30. So steht nun auf 320 Seiten die Geschichte eines Mannes, der nach Thailand kam, um von den Elefantenmännern der Karen sein Handwerk zu lernen, und der in Thailand blieb, um gegen alle Widerstände das Leben zu führen, von dem er träumte: Ein Leben für die Elefanten.

 

Der Weg zum Buch (1): Zu Gast beim Elefantenmann
Der Weg zum Buch (2): Stumpfer Start in Luang Prabang

 

Der Weg zum Buch (2): Stumpfer Start in Luang Prabang

Der Weg zum Buch (2): Stumpfer Start in Luang Prabang

Der Hauptdarsteller sträubt sich

Bodo in Luang Prabang (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Ein Buch über Bodo Försters Leben, eine Biografie – in diese Richtung dachte ich. Doch erst einmal musste ich den Protagonisten davon überzeugen, dass sein Leben zum Buch taugte. „Mal im Ernst“, sagte Bodo, „wer soll das Buch lesen?“ So genau wusste ich das auch nicht. Die Frage war mehr als berechtigt – 80000 Bücher erscheinen jedes Jahr neu in Deutschland. Ein Markt, der auf uns nicht wartete.

Seit ich lesen kann, habe ich Bücher verschlungen und großen Respekt vor ihnen. Doch als erfahrener Leser war ich mir sicher, dass Bodos Geschichte ungewöhnlich genug war, um mehr Interessenten zu finden als nur Familie und Freunde. Im ersten Schritt allerdings müssten wir einen Verlag finden.

Anfang Februar 2013 buchte Bodo einen Flug nach Luang Prabang. Er wollte mit seinem Unternehmen ins thailändische Nachbarland Laos expandieren und auch dort Elefantentouren anbieten. Laos hieß einst Lan Xang („Eine Million Elefanten“), doch inzwischen war die Population der Tiere auf ein gefährliches Minimum geschrumpft. Vielleicht konnte Tourismus zu ihrem Überleben beitragen.

Der Trip schien mir eine günstige Gelegenheit zu sein, mit Bodo fernab vom Alltag die Idee Buch zu konkretisieren. Inhalt, Struktur, Einstieg, die ersten Kapitel. „Flieg mit“, sagte er. Daraus schloss ich, dass er mir für das Projekt grünes Licht gab. Seine eigene Ampel aber, so stellte ich bald fest, leuchtete immer noch rot.

Lao Airlines (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Mit einer Propellermaschine der Lao Airlines flogen wir von Chiang Mai in die alte Königsstadt Luang Prabang am Mekong. Das klang nach Abenteuer und Exotik, obwohl der Flug gerade mal eine Stunde dauerte – lange genug, um die traumhafte laotische Karstlandschaft von oben zu genießen.

Wo der Mekong einen U-Turn macht: Anflug auf Luang Prabang (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Mit seinen buddhistischen Tempeln und der Mischung aus lokaler und französisch-kolonialer Architektur verdiente sich Luang Prabang schon 1995 den Status des UNESCO-Weltkulturerbes.

 

 

Unser Quartier, ein einfaches Hotel, lag außerhalb des historischen Viertels. Die winzigen Zimmer boten Bett, Tisch, Stuhl, Kleiderbügel – Feierabend. Bodo benötigt Luxus ungefähr so dringend wie ein drittes Ohr.

Mit dem Frühstück am nächsten Morgen nahte die erste Chance, das Buch mit Leben anzureichern. Bei knusprigen Baguettes, himmlischen Mandelcroissants sowie Capuccino bzw. Milchkaffee im Cafè Le Banneton. Denn beim Essen bevorzugt der Thüringer Bodo – anders als bei der Hotelwahl – das Berliner Motto: Lieber `n bissken mehr, aber dafür wat Jutet.

Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff

Ich trug Kugelschreiber und Notizbuch am Mann, das gewohnte Werkzeug, hinübergerettet aus der analogen in die digitale Zeit.  

Ausblick vom Le Banneton (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Unseren ersten Dialog kann ich heute noch singen.   

Ich: „Wenn ich dich richtig verstehe, willst du Asiens Elefanten retten…“ „Weiß doch keiner, ob das klappt!“, blaffte Bodo noch vor dem Fragezeichen zurück, „iund ich werde in dem Buch das sagen, was ich sagen will. Völlig egal, ob dir das unter kommerziellen Aspekten gefällt oder nicht.“ „Sowieso“, beschwichtigte ich. Doch mein Gegenüber blieb in Fahrt: „Das sage ich dir gleich: Privates kommt in dem Buch nicht vor!“ Pause. „Und meine Beziehungen schon gar nicht!“ Pause. „Und…“ Aber da grätschte ich ihm in den Satz: „Wenn du mir jetzt noch die Elefanten wegnimmst, wird das ein schmales Buch.“

Das konnte ja heiter werden. Wir schwiegen uns an. Als langjähriger Sportjournalist hatte ich Erfahrung mit schwierigen Interviewkandidaten – Jupp Heynckes war der Prototyp -, und so überlegte ich, mit welcher unverdächtigen Frage ich Bodo auflockern könnte. „Du hast doch mal erwähnt, dass du kurz nach der Wende erstmals nach Thailand kamst. Wo bist du da gelandet?“

Es mögen zähe zwanzig Minuten gewesen sein, ehe der Elefantenmann endlich loslegte. Von der Postkarte eines schwedischen Kollegen erzählte, von Berlin, von Bangkok, von seiner Ankunft im nordthailändischen Lampang. Und schon bald war ich mir wieder sicher, dass Bodos Leben ein Buch tragen würden. Wenn er denn erzählte…

Kor und Bodo (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Nach dem Frühstück trafen wir Kor, einen Mann vom Volk der Hmong, Bodos potentiellen Geschäftspartner in Laos. Wir fuhren zum Elephant Conservation Center in Sayabouri, etwa drei Stunden Landstraße von Luang Prabang entfernt. Dort wollte Bodo sich mal umhören und umschauen.

In der Provinz Sayabouri (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Der Weg durch die laotische Provinz war nicht unser Ziel, aber in jeder Minute interessant. Manchmal atemberaubend schön. Bei einem Zwischenstopp im Niemandsland trafen wir einen Laoten im Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft, womit nicht unbedingt zu rechnen war.

 

 

Mit der Autofähre querten wir einen Fluss mittlerer Größe, und auch den letzten Abschnitt absolvierten wir auf dem Wasser. In langsamer Fahrt auf einer Art Hausboot.

 

Das Conservation Center selbst war eine Ansammlung einfachster Hütten, bewohnt von jungen Idealisten aus Kanada, Frankreich und natürlich Laos – auch sie wollten ihren Teil dazu beitragen, dass der Asiatische Elefant überlebt.

 

Im kleinen Restaurant trank Bodo ein Bier und beobachtete die vier Elefanten des Camps aus etwa  fünfzig Metern Entfernung: Eine etwa 60jährige Kuh, zwei junge Kühe, ein junger Bulle. „Das passt nicht“, sagte er bald, „der Bulle zum Beispiel wird von der Alten nicht akzeptiert. Eine andere Zusammenstellung wäre besser.“ „Es sieht so aus“, schränkte Bodo nach Gesprächen mit den jungen Betreibern ein, „dass die Idealisten hier keine anderen Möglichkeiten haben.“

 

 

Denn die Bürokratie der Demokratischen Volksrepublik Laos schien null Interesse daran zu haben, das Engagement der Idealisten zu unterstützen und so zu zeigen, dass auch dem Land Laos an einer Zukunft der Elefanten gelegen war – immerhin verkörperten sie nationales Vermächtnis.

Wir fuhren noch am selben Tag zurück. Nach weiteren Gesprächen mit Bodo „standen“ die ersten Kapitel. Sie handelten von seiner allerersten Thailand-Reise, die sein Leben veränderte.

Auf der Rückfahr tnach Luang Prabang (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Wenige Wochen später aber war Schicht. Ich fand einfach keinen Weg, Bodos unstetes Leben in den Neunzigerjahren in eine Struktur zu packen, die ein Buch nun mal erfordert. Mal war der Mann in Deutschland, mal in Myanmar oder Laos, mal für kurze Zeit beim Tierpark Friedrichsfelde angestellt und dann wieder entlassen, mal zählte Bodo Elefanten in Vietnam, um wenig später in Berlin für Kinder den Verkehrspolizisten zu spielen. Zwischenzeitlich gründete er in Thailand das Unternehmen Elephant Special Tours, doch der Versuch missriet.. Unter dem Strich ein Chaos, das meine Bemühungen lähmte. Daher legte ich unsere Zusammenarbeit und das Projekt auf Eis. Bodo nahm es so hin.

P.S.: Seit 2013 hat sich das Conservation Center in Sayabouri ganz erstaunlich entwickelt. Heute ist es eine feste Größe in Laos, wenn es um die Zukunft der einheimischen Elefanten geht.

P.S. zwei: Es dauerte bis 2018, ehe ich Bodo wieder auf das Buch ansprach.

Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff

Der Weg zum Buch (1): So fing es an: Zu Gast beim Elefantenmann
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Der Weg zum Buch (1): Zu Gast beim Elefantenmann

Der Weg zum Buch (1): Zu Gast beim Elefantenmann

Drei Tage in Mae Sapok

 

Ein Jahr lebte ich bereits in Thailand, da erschien am 2. Dezember 2009 im Magazin „Der Spiegel“ die Story „Last Exit Mae Sapok – Der Elefantenflüsterer“.  Das war mal eine völlig andere Nummer als das übliche Elefantenreiten im Korb und im Kreis. Ich hatte keine Ahnung, wo Mae Sapok lag, aber genau da wollte ich hin. Zu den großen Tieren und zu Bodo Förster, diesem offensichtlich ziemlich speziellen Typen.

Mit meiner Begeisterung steckte ich zwei Freunde an. Uwe, genannt Disco, lebte wie ich in Bangkok, Klaus im rheinischen Meerbusch. Zu dritt buchten wir für Juli 2010 den „Education-Trip“ bei Elephant Special Tours.

Disco und Klaus (Foto B. Linnhoff)

Bevor wir zu den Elefanten aufbrachen, wollte ich wissen: Wie bitte schön kommt man an den Namen Disco? Uwe antwortete mit einer Zeitreise: Im Jahr 1982 besaß er in der 11. Klasse des Ubbo-Emmius-Gymnasiums in Leer/Ostfriesland als erster einen Walkman, und einer der zeitgenössischen Chartstürmer hieß „D.I.S.C.O“ – die Junggebliebenen werden sich erinnern.

Nun ist Thailand das Land der Spitznamen, und es gibt keinen besseren als Disco. Jede(r) behält ihn auf Anhieb und für immer.  Wo immer Uwe selbst nach Jahren wieder einkehrt, rufen die Thais fröhlich „Disco!!!“ und schwingen die Hüften zu imaginärer Musik. Während Klaus und ich auch da, wo wir uns als Stammgäste festgebissen haben, so begrüßt werden; „What`s your name again?“

 

Aufwärmen in Chiang Mai

 

Wat Phra Singh in Chiang Mai (Fotos Faszination Fernost/B. LInnhoff)

Vor dem Trip nach Mae Sapok genossen wir zwei Tage lang Chiang Mai, die zweitgrößte Stadt im Königreich. Wir wohnten im Hotel Buri Gallery in der Altstadt, in Rufweite des Tempels Wat Phra Singh. Schon im Hotel grüßten uns die Elefanten von der Wand, ein paar Motive aber schienen nur deshalb auf Holz drapiert, um uns auf ganz andere Gedanken zu bringen.

 

 

Am Morgen des dritten Tages wurden wir von Elephant Special Tours abgeholt, nach einer Stunde Fahrt bezogen wir in Mae Sapok unsere Bungalows im

Mae Win Resort

 

 

Klamottenwechsel. Raus aus den Jeans, rein in die die weiträumig geschnittenen Mahut-Hochwasser-Hosen, und schon waren wir reif für die knapp einstündige Fahrt zum Camp von Elephant Special Tours am Wasserfall. Wir standen noch oben an der wackligen Holzbrücke, die über den Fluss zum Camp führte, und wussten schon in der Draufsicht: Wir hatten alles richtig gemacht!

 

 

Und endlich saßen wir zur Begrüßung unter den Elefanten. Ein Augenblick fürs Leben, ein Moment des absoluten Vertrauens, es bleib kein Raum für Angst. Natürlich vertrauten wir auch Bodo Försters Erfahrung – er würde schon wissen, was er tut, so hofften wir.

Seither, nach vielen Gesprächen mit ihm und mit deutlich mehr Kenntnissen, ist mein Repekt vor den Elefanten eher noch gewachsen.

 

Auf den Spuren der Mahuts

 

Es wurden drei intensive Tage. Wir waren zur thailändischen Regenzeit da, oft jedoch schien die Sonne auf ein üppiges Grün. Anfangs nahmen wir die Natur zur Rechten und zur Linken gar nicht wahr. Wir hatten genug mit den Elefanten zu tun und noch mehr mit uns. Wir lernten die ersten Kommandos der Mahuts und sollten sie laut sprechen, damit sich die Tiere an unsere Stimmen gewöhnten. Kaum ritt ich los, dröhnte es mir schon in den Ohren – Bodo meldete sich aus dem Rückraum: „Bernd, ich hör nichts!“ „Ich hab auch gar nichts gesagt!“, rief ich zurück. So laut wir danach auch wurden, so wenig wussten wir, ob uns die Elefanten überhaupt zuhörten. Ihre Mahuts saßen entweder im Korb hinter uns oder liefen neben uns her – sie mussten ein Kommando nur wispern und schon reagierten ihre Schützlinge.

 

 

Bodo teilte mir die rüstige Dame Mae Gaeo II zu, Anfang 50. Passend zu meinem geringfügig höheren Alter verstanden wir uns gut. Disco ritt Mae Bunge und Klaus schaute aus der Höhe auf uns herab, er thronte auf dem Riesen Phu Sii. Drei Vor- und Nachmittage saßen wir den Tieren jeweils etwa zweieinhalb Stunden im Nacken. Ritten über Stock und Stein, durch Bäche und Flussbetten, Abhänge hoch und Abhänge runter. Unfassbar, wie feinfühlig die Elefanten auf einem einzigen Steinquader Fuß für Fuß eine 90-Grad-Wende vollzogen.

 

 

Eines frühen Morgens holten wir die Elefanten aus dem Wald (dort dürfen sie mittlerweile nicht mehr übernachten), und am Mittag aßen wir mit Bodo und seinem Partner Didi im Camp.

 

 

In unseren Oberschenkeln brannten Muskeln, die wir entweder bis dahin nicht besaßen oder nie gespürt hatten. Wir arbeiteten im Holz, wie es Asiens Elefanten über Jahrhunderte taten, ehe der Holzeinschlag verboten wurde. Wir schoben und stapelten Baumstämme in klarer Rollenverteilung – die Elefanten schoben und stapelten, und wir versuchten, die Balance zu halten und oben zu bleiben.

 

Den Haken setzten wir nach der Maßgabe Bodo Försters ein – zum Führen der Tiere. Haken hinter das linke Ohr gesetzt und leicht in Richtung Kopf gezogen, hieß: Fahrtrichtung rechts, Haken hinterm rechten Ohr: Links ist angesagt. Die Mittagspause nutzten die Tiere zum ungestörten Ausruhen und Fressen, so wie wir auch. 

Auch beim Ausflug am Nachmittag naschten die Elefanten, wann immer möglich, vom Angebot am Wegesrand, bevorzugt frischen Bambus. Am Ende ihres Arbeitstages schlugen sie dann richtig zu. Fressend regenerierten sie deutlich schneller als wir.

Nichts für zwei linke Hände

 

Sackgesicht

 

Beim Anlegen des Geschirrs für den Korb lernten wir in luftiger Höhe Handgriffe, die uns vorher fremd waren und nachher wieder.   

Auch beim gemeinsamen Baden nahe dem Wasserfall ging es um Balance. Wie Eisberge, so lagen auch die Tiere zu mindestens zwei Dritteln unter der Wasseroberfläche. Von ihren verbliebenen Körperteilen flogen wir meist ungebremst ins recht kühle Nass – vor allem Disco verdiente sich bei den Abflügen vorbildliche Haltungsnoten. Und alle paar Minuten dümpelte Elefantendung in kompakten Päckchen gemütlich an uns vorbei.

 

 

Die Freundschaft, die in den Tagen von Mae Sapok zwischen Bodo und uns begann, hält bis heute. 2012 zog ich von Bangkok nach Chiang Mai, so kamen Bodo und ich uns noch einmal näher. Das wurde die Basis für viele intensive Gespräche; langsam lernte ich ihn besser kennen. Und irgendwann, genauer: 2013 war mir klar, dass seine Geschichte und die seiner Elefanten erzählt werden sollte, erzählt werden musste.

 

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