Wie aus 20 Kapiteln 30 wurden

 

Bodo als  Hemingways Doppelgänger unterwegs mit Gästen in Sri Lanka (Foto: Claude Hambeck)

Fünf Jahre sind eine lange Zeit. Nach 2013 kulminierte die politische und soziale Spaltung Thailands und endete erst in einem Militärcoup und danach in einer Militärregierung. Als Bodo und ich Anfang 2018 das Projekt Buch neu diskutierten, war für den Job des Elefantenmanns eine neue Dimension hinzugekommen. Interaktionen zwischen Elefanten und Menschen wurden immer häufiger und härter von einigen Tierschutzorganisationen kritiisiert, mit dem entsprechenden Medienecho. In der Konsequenz sahen sich diverse große Reiseunternehmen gezwungen, Aktivitäten mit Tieren aus ihrem Programm zu streichen.

Foto: Elephant Special Tours

Auf den Social-Media-Kanälen liefen die hitzigen, emotionalen, holzschnittartigen Diskussionen um Elefanten im Tourismus heiß. Diese Kontroverse musste nun auch ins Buch. Bodo sah die Chance, seine Sicht und seine langjährigen Erfahrungen ausführlich, differenziert  und faktenorientiert zu schildern. Und nicht verkürzt, vereinfacht und pauschal, wie heute selbst komplexe Themen auf den sozialen Plattformen gespielt werden.

Bodo und Gäste (Foto: Elephant Special Tours)

 

Auch Bodos Geschäftsmodell stand nun im Fokus der Öffentichkeit, doch Elephant Special Tours erlitt keine nennenswerten Einbußen, da fast alle Buchungen auf persönlichen Empfehlungen ehemaliger Gäste oder auf dem guten Ruf des Unternehmens beruhten und direkt dort vorgenommen wurden.

 

 

Auch mein Leben hatte die gewohnten Bahnen verlassen, meine Abenteuer spielten allerdings im Privaten. 2016 heiratete ich Toey in Chiang Mai in einer traditionellen Lanna-Zeremonie, kurz zuvor hatten wir in der Altstadt Chiang Mais eine Bar gemietet, deren Anstrich und Einweihungsdatum von Mönchen und astrologischen Konstellationen bestimmt wurden. „This is Thailand“: Immer besser verstand ich den oft gehörten Spruch, was meine mitteleuropäischen Vorstellungen von Logik und Vernunft  neu definierte.

 

Erlebnis Sri Lanka

 

 

Im Februar 2018 stand eine 14-tägige Sri-Lanka-Reise im Programm von Elephant Special Tours.  Im letzten Moment buchte auch ich diesen Trip. In Sri Lanka wollte ich in Absprache mit Bodo definitiv über ein Ja oder Nein zum Buch entscheiden.

In den Teeplantagen von Nuwara Eliya

 

Ein Buch erzählt eine Geschichte. Bodos Geschichte ging so: Da ist ein Mann, der einen Traum hat und ihn leben will. Fern der Heimat, in der Natur Asiens, mit und für Elefanten. Und das tut er dann auch, allen Rückschlägen zum Trotz.

 

 

Bildergalerie: In Sri Lanka begegnet man dem Elefanten in allen Aggregatzuständen

Eine Autobiografie birgt andere Tücken als ein Roman. Bodo war nicht der Erste, der sich fragte: Wie ehrlich und indiskret darf eine Autobiografie sein, wie wahrhaftig muss sie sein? Wie die meisten Menschen in seinem Alter hatte er die eine oder andere zweifelhafte Entscheidung getroffen. Trennungen von geliebten Menschen verkraften müssen – mal hatte er Menschen verlassen, mal war er der Verlassene. Wer von all den Mitspielern in seinem Leben sollte zwischen den Buchdeckeln vorkommen und wie?

Meine Rolle als Co-Autor war hingegen schnell definiert. Ich würde weitere Gespräche mit Bodo führen und sein oft sprunghaftes Leben fürs Buch ordnen und strukturieren. Mein Ego allerdings musste die Klappe halten. Meine Aufzeichnungen sollten allein Bodos Intentionen und Gedanken wiedergeben und seine ureigene Diktion. Seinen ganz speziellen Tonfall, seine Art zu erzählen. Das war so schwer nicht – wenn der Mann erst einmal ins Rollen kommt, formuliert er stark, lebendig, mitreißend.

Lange sah es so aus, als ob da eine Autobiografie gegen den Willen des Protagonisten entstand. Bodos Sträuben interpretierte ich als mangelndes Vertrauen. Bis ich begriff, dass er nur seine Familie schützen wollte, seine Frau Jana und seine Tochter Sinah. Beider Leben war jedoch engstens verbunden mit seinem Beruf und mit Elefanten. Jana hatte er als Gast in Mae Sapok kennengelernt; selbst der Name seiner Tochter hatte mit einem Ereignis im Camp zu tun. Bodos Leben zu schildern und dabei Frau und Kind auszusparen, hätte bei jeder Leserin und jedem Leser eine Art Phantomschmerz bewirkt: Da fehlt was, aber wir spüren das. 

Als wir wieder einmal in einer argumentativen Sackgasse gelandet waren, sagte Bodo: „Sprich mit Jana.“ Ihr Einverständnis erhielt ich schnell. Denn ich versicherte ihr, was für mich immer selbstverständlich war: im Buch würde keine Zeile über sie oder Sinah ohne ihre Zustimmung stehen.

Heute darf ich sagen: Im Buch zählen die Passagen mit Jana und Sinah zu den wärmsten und emotionalsten.

 

Lernen vom Elefantenmann

 

 

Ohne die beiden gemeinsamen Wochen mit Bodo in Sri Lanka wäre das Buch ein anderes geworden. Unsere Auseinandersetzungen dort reinigten die Luft. Vor allem aber lernte ich auf unseren Exkursionen in Pinnawala, Udawalawe, Minneriya und Wasgamuwa viel und entscheidend Neues über Elefanten. Von Bodo und auch von  Tierschützern wie Chintaka und Ravi.

 

 

Es war schlicht bewegend, entspannte Wildelefanten – die uns immer im Blick hatten – aus zwei Metern Entfernung zu beobachten. Bodos Gäste und ich erfuhren zudem, welche mühevolle Detailarbeit, wieviel Durchhaltevermögen und Kompetenz zu nachhaltigem Naturschutz gehören. Versuch und Irrtum, über Jahre.

 

Weligama im Südwesten Sri Lankas: Der letzte Abend (Foto Claude Hambeck)

Geschichten für Zeitungen oder Magazine sind gewöhnlich Kurzstrecke – ein Buch ist Marathon. Wir planten mit 20 Kapiteln. Die ersten schickten wir auf Empfehlung unseres Freundes Oliver Wurm zum Rowohlt-Verlag nach Hamburg. Das renommierte Verlagshaus sandte uns einen Vertragsentwurf und so das erfreuliche Signal: Weitermachen!

Bodo und Julia: Ein Buch wird kommen

Im Dezember 2018 unterschrieben Julia Suchorski, Cheflektorin Sachbuch bei Rowohlt, und Bodo Förster in Düsseldorf den Vertrag. Bis zur für März 2019 vereinbarten Manuskriptabgabe wurde es für Bodo nd mich noch ein aufregender Ritt. Die Elefanten hatten den Spieß umgedreht – nun saßen sie uns im Nacken. Eine große Hilfe war in diesen Monaten unsere Lektorin Ulrike Gallwit – ihr gilt unser Dank ebenso wie Julia Suchorski für eine tolle Unterstützung!

Die vielen Facetten des Bodo Förster

 

Je öfter wir über sein Leben sprachen, über seine Kindheit, Jugend, die Zeit im Tierpark Friedrichsfelde, desto besser lernte ich Bodo natürlich kennen. Seine vielen Facetten. Humor ist eine. Er kann ein Bollerkopp sein. Er ist verletzlich und kann verletzen. Manchmal musste ich an den Titel eines Buches von David Richard Precht denken: Wer bin ich, und wenn ja wieviele? Bodo ist vieles, nur eines nicht: Einfach.

Im Laufe unserer Gespräche erinnerte sich Bodo immer genauer an scheinbar längst vergessene Details. Aus 20 Kapiteln wurden schließlich 30. So steht nun auf 320 Seiten die Geschichte eines Mannes, der nach Thailand kam, um von den Elefantenmännern der Karen sein Handwerk zu lernen, und der in Thailand blieb, um gegen alle Widerstände das Leben zu führen, von dem er träumte: Ein Leben für die Elefanten.

 

Der Weg zum Buch (1): Zu Gast beim Elefantenmann
Der Weg zum Buch (2): Stumpfer Start in Luang Prabang

 

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