Herbst 2019: Da ist Leben drin

 

Ist doch klar, dass ich dem 15. Oktober gespannt entgegenschaue. Dann erscheint meine Autobiografie im Verlag Rowohlt-Polaris, und ich habe nicht die geringste Ahnung, wie es einschlagen und welche Reaktionen es hervorrufen wird. Tolle Sache, ohne Frage, aber darüber vergesse ich nicht, was im Leben, in meinem Leben Priorität hat.

Ganz bewusst hatte ich meinen Flug nach Deutschland, wo ich derzeit meine Familie besuche und einige Medientermine rund um das Buch wahrnehme, erst für den 7. Oktober gebucht. Denn so konnte ich sicher sein, dass ich die Geburt meines  Enkelkindes am Ort des Geschehens mitbekommen würde, in Mae Sapok. Nadja, die Lebensgefährtin meines Sohnes Roger, gebar einen gesunden Sohn, der jetzt noch nicht mitbekommt, dass er auf den schönen Namen Noah hört. 

Noah also: Ob das glückliche Paar später mal eine Arche speziell für Elefanten bauen will, weiß ich nicht. Es müsste dann ein sehr stabiles Boot sein. Im Moment aber ist Nadja mit dem Kleinen gut ausgelastet, Roger führt die Geschäfte in Mae Sapok – wir sind gut gebucht, auch er kann also über Langeweile nicht klagen. Nun bin ich schon zum zweiten Mal und mit großer Freude Opa. William, der Sohn meiner Tochter Anja, geht bereits auf seinen zehnten Geburtstag zu.

Mae Boonsin+Kalb (Foto: Elephant Special Tours)

Der Herbst 2019 scheint eine gute Zeit für Neuerscheinungen zu sein. Kurz vor meinem Abflug von Bangkok erhielt ich aus unserem Camp in Thailands Norden die bewegende Nachricht, dass unsere Mae Boonsin nach 22 Monaten Schwangerschaft einen kleinen, kregelen Bullen zur Welt gebracht hatte. Überraschend schnell und unkompliziert in den frühen Morgenstunden des 7. Oktober.

Das Kalb war vom Start weg kräftig und aktiv, bereits nach wenigen Stunden begann es, das wertvolle Kolostrum zu trinken, die so genannte Biestmilch mit den so wichtigen Nährstoffen. Für eine Erstgebärende verhält sich Mae Boonsin erstaunlich ruhig und intuitiv fürsorglich, so dass das Trinken gut gelingen konnte. Sie lässt ihr Kalb in diesen Tagen nicht aus den Augen. Unser ganzes Team ist unglaublich stolz auf sie!

Warum bewegte mich diese Nachricht so? Dazu muss ich ein wenig ausholen.

Im Jahr 2013 war Mae Boonsin der erste Elefant, den wir aus wirklich miserablen Bedingungen herausgekauft haben. Bis zu ihrer Ankunft bei uns hatte sie weitgehend allein im Wald gestanden, war zu einem typischen Einzelelefant geworden. Schwer in eine Gruppe zu integrieren, dazu zwergenwüchsig, ängstlich, enttäuscht, total traumatisiert.

Foto: Elephant Special Tours

Unser kleiner Herdenverbund ist ja nicht – wie in der Natur – organisch gewachsen. In den ersten drei Jahren hatte Mae Boonsin große Probleme im Kreis ihrer „fremden“ Artgenossen. Dann aber sahen wir erleichtert, wie sie sukzessive in unsere Herde hineinwuchs, ihre Rolle fand, die Angst verlor und selbst hochintegrativ auf die anderen Tiere einwirkte. Ihre Seele war zur Ruhe gekommen. Das sind natürlich alles menschliche Begriffe, aber andere habe ich ja nicht.

Nur eine Kuh, die ihr Gleichgewicht gefunden hat und sich zuhause fühlt, ist wirklich in der Lage „aufzunehmen“, wie wir sagen, also schwanger zu werden. Und wenn ich jetzt sehe, wie selbstverständlich und intensiv sie sich – als Erstgebärende! – um ihr Baby kümmert, dann sehe ich eine echte, wunderbare  Persönlichkeit. Für mich ist das einer der größten Erfolge überhaupt in meinem Leben mit Elefanten. 

Mit uns freuen sich vor allem Simone, die einst bei uns als Praktikantin arbeitete, und ihr Partner Henry. Ihre Spenden ermöglichten großenteils den Kauf Mae Boonsins für unsere Tong-Bai-Stiftung 2013. Schon damals haben wir beschlossen: Sollte unser verängstigter Neuzugang je Nachwuchs bekommen, würde ein weibliches Kalb in Anlehnung an „Simone“ den Namen Momo bekommen und ein kleiner Bulle Henry heißen.

Henry also. Wir alle wünschen ihm ein gesundes, angstfreies und langes Leben! Chok dee!

 

HENRY! (Foto: Elephant Special Tours)

In zwei Tagen melde ich mich wieder, am 15. Oktober, am Erscheinungstag meiner Autobiografie. Dann erzähle ich euch, warum es sich so seltsam anfühlt, sein eigenes Leben zu lesen,

Wir nutzen Cookies um die Inhalte noch passender gestalten zu können. Bitte stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen